Che - Rudi Engel

Carlos bester Freund / Redakteur für Kultur (52)

"Früher war alles einfacher. Da gab es nur vor oder hinter den Barrikaden."

Rudis Spitzname “Che” geht natürlich zurück auf Che Guevara, dessen vergilbtes Poster über dem Schreibtisch des ehemaligen Politikjournalisten hängt. Rudis Weg führt direkt aus der wilden Studentenzeit anno 68, über die Gründung der linksliberalen Zeitung „Pflasterstein“ bis in die Redaktion des „Blick“, in der er seit Jahren schreibt. In dieser Zeit hat Rudi zwar gelernt, sich an die herrschenden Verhältnisse anzupassen – würde dies aber nie offen zugeben. Denn nach außen hin pflegt er noch immer die Attitüde des Straßenkämpfers, des Underdogs und des Bescheidwissers. Dieses Selbstverständnis steht im krassen Gegensatz zu seinen völlig sanften, friedfertigen Wesen.

Als Ältester in der Redaktion hat Che väterliche Gefühle zu seinen Kollegen und gibt gerne Ratschläge oder erzählt Geschichten aus den alten Zeiten, als noch klar war wofür man kämpft. Würde nur die Hälfte seiner Geschichten stimmen, wäre unser Land ein anderes. Dabei lügt Che nicht bewusst, denn Prinzipien, Moral und Gerechtigkeit ist ihm wichtiger als alles andere. Sein Kurzzeitgedächtnis, das dem eines Goldfisches gleicht, paart sich oft mit einem Mangel an Konzentrationsfähigkeit. In bis heute andauernden Selbstversuchen, hat Che wohl kein bekanntes oder unbekanntes Rauschmittel ausgelassen. So passiert es oft, dass Che einen Satz anfängt, sich heillos verheddert und irgendwann den Anfang nicht mehr weiß. In den hellen Momenten ist er ein väterlicher Freund für alle in der Redaktion. In seinen schwachen auch, nur dass dann nicht alle wissen, was er meint.

So redet sich Che manchmal buchstäblich um Kopf und Kragen oder trifft mit unverblümter Ehrlichkeit den Nagel auf den Kopf. Dann ist Che besonders für Annika eine große Hilfe. Nur mit ihm kann Annika über ihre widersprüchlichen Gefühle für Carlo sprechen. Che gerät dadurch regelmäßig in ein Dilemma, denn seine Aufrichtigkeit verbietet ihm, Carlo von diesen Gesprächen zu erzählen. Che spürt instinktiv (und seine Instinkte funktionieren noch immer sehr gut), dass Annika und Carlo gut füreinander sind. In allen anderen Bereichen, meint Annika Che helfen zu müssen.

In Wahrheit ist es allerdings Carlo, der Che immer wieder auffängt. Seit ihrer Zeit beim „Pflasterstein“, wo Carlo noch Ches Volontär war, sind beide dicke Freunde. Im Privaten ist Che sogar Teil von Carlos Familie geworden und wird von Ernest und Leonie wie ein Onkel wahrgenommen – wie ein freakiger Onkel. Im Beruflichen schreibt Carlo oft für Che die Artikel, damit Jade nicht auffällt, dass sie Che eigentlich feuern müsste. Carlo macht dies für Che, ohne es an die große Glocke zu hängen oder dafür eine Gegenleistung zu erwarten, denn in seinen Augen wäre die Welt bedeutend kälter, wenn es nicht Menschen wie Che gäbe. So paradox wie es klingt, Che ist für Carlo ein Vorbild und damit der einzige, der Carlo offen die Meinung sagen darf. Annika tut es auch ohne Erlaubnis.

Mit Ausnahme von Annika, die versucht Che durch Carlos Augen zu sehen, reagieren alle anderen in der Redaktion mit Unverständnis auf Che. Sie verstehen nicht, warum Che als einziger noch eine Schreibmaschine verwendet und dass er hinter der globalen Vernetzung von Computer, Kreditkarten und Handys nur eine Verschwörung (CIA, Mossad, Microsoft, Aldi) vermuten kann. Im Grunde ist er trotz all seiner revolutionären Anwandlungen in vielerlei Hinsicht einfach nur stockkonservativ. Wozu braucht man auch einen CD-Spieler, wenn alle gute Musik ist sowieso auf Vinyl erschienen ist?

Eine Haltung mit der der Revoluzzer besonders von der materialistischen Vanessa als Freak wahrgenommen wird. Zum Leidwesen von Che, denn auch wenn Vanessa auf der anderen Seite der Barrikaden steht: er würde sie nicht von der Bettkante stoßen. Allerdings müsste man Che wohl ein bisschen Zeit geben, denn sein letzter Sex ist schon ne ganze Weile her.