Herausgeberin (50)
„Woher hätte ich wissen sollen, dass der Knabe erst 17 war? Er hat geschworen, er wäre volljährig.“
Jade Hardenberg, gefühltes Alter morgens 55, abends 29. Jade ist die Herausgeberin des BLICK und schwebt über den Wassern. Die lebens- und sinnenfrohe Dame kümmert sich schon seit langer Zeit nicht mehr darum, was „sich gehört“ und was nicht. Wenn es ihr gefällt, sich plötzlich in ein Leopardenfell zu kleiden, dann wird sie das einfach tun und diesen Look zum neuesten Schrei ausrufen. Keiner ihrer Mitarbeiter würde es wagen, darüber zu lachen, denn erstens würde Jade in dem Leopardenfell vermutlich großartig aussehen, zweitens ist man von der Chefin einiges an Extravaganzen gewohnt, und drittens sollte man nie den Fehler machen, ihre Autorität zu unterschätzen. Wer meint, die Alte sei ein bisschen gaga, der verkennt, dass Jades Egozentrik ausschließlich ihrem beneidenswerten Selbstbewusstsein entspringt und auf gar keinen Fall mit mangelnder Zurechnungsfähigkeit verwechselt werden darf.
Jade schwimmt in der feinen Gesellschaft der Stadt wie ein Fisch im Ozean. Sie genießt es, auf Partys und Empfänge zu gehen, sich mit den Reichen, Schönen und vor allem den Wichtigen zu treffen, eine Bühne für ihre Auftritte zu haben. Denn jedes Erscheinen Jades gerät unweigerlich zu einem Auftritt auch in der Redaktion. Dabei hat Jade allerdings keinerlei Standesdünkel und kann mit dem Mann vom Sicherheitsdienst genauso souverän umgehen mit wie mit der Oberbürgermeisterin.
Neuem gegenüber ist die Herausgeberin sehr aufgeschlossen und probiert gerne mal eine Ayurveda-Kur, eine Botox-Behandlung oder einen jungen Liebhaber aus. Ihre Entscheidungen trifft sie instinktiv und liegt meistens richtig damit, auf ihren Bauch zu vertrauen.
Jade war verheiratet mit Wolfgang Hardenberg, einem ebenso reichen wie erfolgreichen Verleger, der ihr bei seinem Tod vor 10 Jahren genug Geld für ein sorgloses Leben hinterlassen hat. Einen guten Teil des Geldes steckte Jade allerdings in den BLICK, denn es klingt einfach sehr viel besser, wenn sie auf dem Roten Teppich als Herausgeberin angekündigt wird und nicht als Witwe.
Besonders die Lokalredaktion liegt ihr dabei am Herzen, denn dort passieren die Dinge, die sie interessieren und die für sie nützlich sind: Premierenfeiern, Modenschauen, Bälle und Empfänge, aber auch Gefälligkeitsartikel über Leute, die sie gerne in ihrer Schuld weiß. Ihr Freundes- und Bekanntenkreis ist groß und liest sich wie ein Who-is-Who der Hamburger Gesellschaft, wobei die High-Society dort ebenso vorkommt wie Kiezgrößen, Boxpromoter und Künstler. Über die Berichte ihrer Lokalredaktion steuert sie in gewissem Rahmen die Schicksale und Bekanntheitsgrade dieser Promis und Semipromis.
Mit ihrem Alter hat Jade ein Problem, denn eigentlich fühlt sie sich noch gar nicht wie, na ja, sagen wir: Mitte 50. Eher wie Mitte dreißig, manchmal sogar wie Mitte 20. Nach einer durchlebten und durchliebten Nacht allerdings fühlt sie sich immer öfter wie bereits gestorben, und das bereitet ihr zunehmend Verdruss. Auf Anspielungen ihr Alter betreffend reagiert sie gereizt und ist gerne bereit jede charmante Lüge zu glauben.
Menschen mit Ecken und Kanten, Menschen, die sich auf irgendeine Art aus dem grauen Mittelmaß herausheben, liebt Jade. Und so einen sieht sie in Carlo aber auch in Annika. Mit Carlo verbindet Jade eine lange gemeinsame Zeit bei einer größeren Zeitung (ihres verstorbenen Mannes) und seit einigen Jahren beim BLICK. Er ist ihr Lieblingsmitarbeiter und weiß das auch. Sie schätzt an ihm seinen scharfen Geist, sein großes Schreibtalent und die Art und Weise wie er seine Männlichkeit auslebt. Davon gibt es ja viel zu wenige. Aber sie spürt genau, dass sein ehemals so helles und heißes Feuer allmählich auszugehen droht. Ein probates Mittel dagegen scheint Jade eine Brandstifterin wie Annika zu sein, die sie Carlo genau vor sie
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